Die amerikanische Fracking-Industrie steht vor einem strategischen Wendepunkt: Nachdem die heimischen Schiefervorkommen jahrelang für Rekordproduktion sorgten, suchen die Unternehmen nun verstärkt nach Wachstumschancen im Ausland. Continental Resources, das Unternehmen des legendären Schieferpioniers Harold Hamm, tätigte im Januar seine zweite Übernahme im argentinischen Vaca Muerta-Feld und unterzeichnete ein Erschließungsabkommen für türkische Schiefervorkommen.
EOG Resources, ein weiterer Branchenvorreiter, sicherte sich 2024 Explorationslizenzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain. Diese Schritte markieren einen bedeutenden Strategiewechsel für Unternehmen, die sich bisher fast ausschließlich auf den US-Markt konzentrierten. Große Ölkonzerne wie Exxon Mobil und Chevron waren bislang die einzigen amerikanischen Produzenten mit substanzieller internationaler Präsenz.
Permian Basin verliert an Produktivität
Der Grund für die neue Expansionsstrategie liegt in der nachlassenden Ergiebigkeit der heimischen Vorkommen. Das Permian Basin in Texas und New Mexico, lange Zeit das Herzstück der US-Schieferölproduktion, zeigt deutliche Ermüdungserscheinungen. Bohrungen in der Wolfcamp-Formation lieferten 2016 noch geschätzte 65 Barrel pro horizontal gebohrtem Fuß. Bei Bohrungen aus dem Jahr 2024 rechnen Analysten nur noch mit 46 Barrel pro Fuß – ein Rückgang von fast 30 Prozent.
Rob Clarke, Schieferanalyst bei Wood Mackenzie, bezeichnet die aktuelle Entwicklung als „Global Shale 2.0“. Bereits um 2010 hatten amerikanische Produzenten internationale Möglichkeiten sondiert, diese Pläne aber wieder verworfen, als sich das Permian Basin als außerordentlich ertragreich erwies. „Einer der Faktoren, die Global Shale 1.0 beendeten, war das Permian Basin“, erklärt Clarke.
Argentinien als Hoffnungsträger
Das argentinische Vaca Muerta-Feld gilt als besonders vielversprechend. Mit einer Fläche von rund 30.000 Quadratkilometern gehört es zu den größten Schiefervorkommen weltweit. Die geologischen Bedingungen ähneln denen im Permian Basin, allerdings sind die Erschließungskosten höher und die politischen Rahmenbedingungen komplexer als in den USA.
Die internationale Expansion erfolgt zu einem kritischen Zeitpunkt für die Branche. Die globale Ölnachfrage wird zwar voraussichtlich noch einige Jahre steigen, doch die besten Wachstumsjahre der US-Schieferindustrie liegen eindeutig hinter ihr. Viele Unternehmen haben bereits fusioniert, um Synergien zu nutzen und ihre verbleibenden Ressourcen effizienter auszuschöpfen.
Schiefer ist als Sedimentgestein weltweit verbreitet, doch nicht jedes Vorkommen lässt sich wirtschaftlich fördern. Die US-Produzenten setzen auf ihre technologische Expertise und jahrelange Erfahrung im Fracking, um auch unter schwierigeren Bedingungen im Ausland profitabel zu arbeiten. Ob diese Strategie aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.


